Psychologie

Was ist Neuropsychologie?

Das Gehirn steuert unser Denken, Fühlen und Handeln. Eine Erkrankung oder Verletzung des Gehirns – zum Beispiel im Rahmen eines Schlaganfalls oder Unfalls – führt deshalb neben den körperlichen Folgen auch oft zu Veränderungen in der geistigen Leistungsfähigkeit und dem emotionalen Befinden. Schwerpunkt der Neuropsychologie ist die Diagnostik und Therapie dieser Beeinträchtigungen. Durch die neuropsychologische Therapie sollen Hirnfunktionen weitest möglich wiederhergestellt sowie die Patienten bei einer Anpassung an deren Lebensumwelt zuhause und im Beruf unterstützt werden. Die neuropsychologische Therapie ist bei der stationären Behandlung in neurologischen Rehabilitationskliniken ein fester Bestandteil des Therapieangebotes. Im Folgenden werden Inhalte und Vorgehen der neuropsychologischen Untersuchung und Therapie genauer dargestellt. 

Unsere Psychologen

  • Susann Wechselberger
    Klinische Neuropsychologin (GNP)
    Leitung Neuropsychologie

  • Natalie Janker
    Psychologin (Neurologie)

  • Dr. Magdalena Nagl
    Psychologin (Neurologie)

  • Chiara Rolle
    Psychologin (Geriatrie)

Die neuropsychologische Untersuchung

In den ersten Sitzungen einer neuropsychologischen Behandlung findet mittels der neuropsychologischen Untersuchung eine detaillierte Bestandsaufnahme der vorhandenen Fähigkeiten und Einschränkungen statt sowie eine Überprüfung, inwieweit der Patient durch seine Erkrankung psychisch belastet ist. 

Was wird bei der neuropsychologischen Untersuchung überprüft?

In der neuropsychologischen Untersuchung werden verschiedene geistige Funktionsbereiche des Gehirns systematisch untersucht, welche für die selbständige Bewältigung des Alltags grundlegend wichtig sind. Je nach persönlicher Lebenssituation des Patienten erfolgt die Untersuchung auch mit besonderem Blick auf die berufliche Leistungsfähigkeit oder die Fähigkeit zum Führen eines Kraftfahrzeugs.

Folgende geistige Leistungen werden bei der neuropsychologischen Untersuchung detailliert überprüft: 

  • Aufmerksamkeit und Konzentrationsvermögen 
  • Gedächtnis und Lernfähigkeit 
  • Visuelle Wahrnehmung 
  • Problemlösen und Planungsfähigkeit 
  • Denkvermögen 
  • Gefühlsverarbeitung 
  • Persönlichkeitsveränderungen und Verhaltensauffälligkeiten

Wie genau läuft die neuropsychologische Untersuchung ab?

Jede neuropsychologische Untersuchung ist unterschiedlich umfangreich, je nach der individuellen Leistungsfähigkeit und der persönlichen Lebenssituation des Patienten. So wird bei Patienten, welche noch im Berufsleben stehen, die Untersuchung umfangreicher ausfallen als beispielsweise bei älteren Patienten, welche bereits im Pflegeheim leben. In der Regel dauert die neuropsychologische Untersuchung mehrere Stunden, oft über zwei oder mehr Termine verteilt.

Welche Untersuchungstechniken benutzen die Neuropsychologen?

Im Rahmen der neuropsychologischen Untersuchung kommen verschiedene Verfahren zum Einsatz. Am Beginn steht in der Regel ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten, bei welchem die Krankheitsgeschichte, die persönliche Lebenssituation und insbesondere die durch den Patienten erlebten Erkrankungsfolgen erfragt werden. Wenn der Patient selbst keine Auskunft über sein persönliches Erleben geben kann (z. B. aufgrund einer schweren Sprachstörung), erfragen die Neuropsychologen diese Informationen oft bei einem nahen Angehörigen des Patienten. 

Am häufigsten kommen bei der neuropsychologischen Untersuchung standardisierte Testverfahren zur Anwendung, welche wissenschaftlich entwickelt und erprobt wurden. Solche Testverfahren ermöglichen eine Einordnung der individuellen Leistung des Patienten im Vergleich zur durchschnittlichen Leistungsfähigkeit gesunder Menschen gleichen Alters oder gleicher Bildung. 

Ergänzend nutzen Neuropsychologen Fragebögen, welche vom Patienten selbst ausgefüllt werden, zur Erhebung der von den Patienten ganz persönlich erlebten Beeinträchtigungen. 

Was passiert nach der neuropsychologischen Untersuchung?

Die Ergebnisse der neuropsychologischen Untersuchung geben Auskunft darüber, welche Gehirnfunktionen auf geistiger Ebene durch die Hirnschädigung beeinträchtigt sind und welche noch intakt sind. Diese Ergebnisse und deren mögliche Auswirkungen auf die Bewältigung des Alltages werden von den Neuropsychologen mit dem Patienten und ggf. mit nahen Angehörigen besprochen. 

Das wichtigste Ziel der neuropsychologischen Untersuchung ist es, den bestehenden Beeinträchtigungen der geistigen Leistungsfähigkeit die passenden Therapiemaßnahmen zuzuführen. Die Ergebnisse der neuropsychologischen Untersuchung bilden somit die Grundlage für die Erstellung eines auf den Patienten und seine Bedürfnisse zugeschnittenen persönlichen Therapieprogramms.

Das Ziel des neuropsychologischen Therapieprogramms in unserem Haus ist eine möglichst weitreichende Wiedererlangung der geistigen Leistungsfähigkeit, um wieder eine selbständige Bewältigung des Alltages zu gewährleisten. 

Die Therapiemaßnahmen können direkt durch die Neuropsychologen im Benedictus Krankenhaus Feldafing durchgeführt werden. Sollte dies jedoch aufgrund eines sehr kurzen stationären Aufenthaltes nicht möglich sein, wird der Patient und ggf. ein naher Angehöriger über die empfohlenen Therapiemaßnahmen informiert. Die bei uns tätigen Neuropsychologen verfügen über Kontaktadressen von ambulant tätigen Neuropsychologen in Wohnortnähe des Patienten.

Welche neuropsychologischen Therapiemaßnahmen können im Benedictus Krankenhaus Feldafing durchgeführt werden? 

Man unterscheidet zwei Arten von neuropsychologischen Therapiemaßnahmen: Dies sind zum einen Maßnahmen zur Wiederherstellung beeinträchtigter Funktionen, die durch wiederholtes Üben das Gehirn anregen, entweder Nervenverbindungen wiederaufzubauen oder andere Hirnbereiche für die ausgefallenen Funktionen unterstützend heranzuziehen. 

Zum anderen kommen Therapiemaßnahmen zum Einsatz, welche die beeinträchtigten Funktionen unterstützen oder ersetzen. Dabei werden die Hirnfunktionen nicht wiederhergestellt, die Beeinträchtigungen werden jedoch größtenteils kompensiert.

Folgende Therapiemaßnahmen werden durch unsere Neuropsychologen durchgeführt: 

  • Orientierungstraining bei schweren Gedächtnis- und Orientierungsstörungen 
  • Basale Wahrnehmungs- und Aktivierungstherapie bei schweren Aufmerksamkeitsstörungen 
  • Funktionelles Aufmerksamkeitstraining bei Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen 
  • Sakkaden- und Explorationstraining zur Behandlung von Gesichtsfeldausfällen und visuellem Neglect 
  • Lesetraining bei Gesichtsfeldausfällen und visuellem Neglect 
  • Kompensationsstrategien bei Gedächtnisstörungen (z. B. Gedächtnistagebuch, Mnemo-Techniken) 
  • Training höherer Hirnfunktionen wie Problemlösen, Handlungsplanung, Arbeitsgedächtnis u. kognitive Flexibilität 
  • Training der visuell-räumlichen Fähigkeiten bei Störungen der räumlichen Wahrnehmung 
  • Information und Aufklärung über bestehende Beeinträchtigungen der geistigen Leistungsfähigkeit sowie Möglichkeiten der Behandlung (Psychoedukation) 
  • Verhaltenstherapeutisch orientierte Maßnahmen bei Störungen des sozialen Verhaltens und der emotionalen Regulierung (z. B. bei Depressionen, Aggressivität oder Antriebsstörungen)

Wie häufig und in welchem Umfeld finden die neuropsychologischen Therapiemaßnahmen statt? 

Je nach Art und Schwere der beeinträchtigten Hirnfunktionen sowie in Abhängigkeit von den persönlichen Rehabilitationszielen des Patienten findet die neuropsychologische Therapie in unserem Haus zwei- bis fünfmal in der Woche zu Therapieeinheiten von in der Regel 30 Minuten, teilweise auch 60 Minuten, statt. 

Die Therapie findet überwiegend in Einzelsitzungen statt, aber auch Gruppenprogramme haben sich als sehr hilfreich erwiesen. So bieten wir fünfmal wöchentlich ein funktionelles Aufmerksamkeitstraining in der Gruppe sowie einmal wöchentlich eine Gedächtnisgruppe zur Vermittlung von Kompensationsstrategien und Mnemo- Techniken bei mittelschweren Gedächtnisstörungen an.

Die neuropsychologische Abteilung verfügt über spezielle Therapieräume, in welchen insbesondere die computergestützten Therapiemaßnahmen zur Anwendung kommen. Bei weniger mobilen Patienten kann die basale neuropsychologische Therapie auch in weiten Teilen im Patientenzimmer, teilweise auch direkt am Patientenbett, durchgeführt werden.

Neurologische Musiktherapie

Beim Training zur Verbesserung von Beeinträchtigungen der geistigen Leistungsfähigkeit kann auch Musik bzw. das aktive Spielen von Musikinstrumenten eingesetzt werden. Der Therapieansatz der Neurologischen Musiktherapie basiert auf einem neurowissenschaftlichen Modell der Musikwahrnehmung und –produktion sowie des Einflusses von Musik auf Veränderungen nicht-musikalischer Gehirn- und Verhaltensfunktionen. Hier gibt es verschiedene musikalische Übungen zur Verbesserung der Wahrnehmung (z. B. bei Neglect), der Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses, der Exekutivfunktionen und der Denkfähigkeit. 

Das Spielen eines Instrumentes wie Keyboard, Klangbausteine oder Trommel bedeutet eine hohe neuronale Anforderung und fördert somit das Training verschiedener geistiger Hirnfunktionen. Auch auf der psychischen Ebene zeigen sich positive Effekte, wie die Verbesserung der emotionalen Befindlichkeit und der Krankheitsverarbeitung.

Weitere psychologische Angebote

Das Team der Abteilung Psychologie bietet neben der neuropsychologischen Therapie weitere unterstützende Maßnahmen an, die Patienten dabei helfen, die geistigen und körperlichen Kräfte dauerhaft zu mobilisieren. 

Ein wesentlicher Bestandteil dieser Angebote ist dabei die Unterstützung bei der Krankheitsbewältigung. Gerade bei der Krankheitsverarbeitung, den Anpassungsprozessen an die veränderte Lebenssituation und der Auseinandersetzung mit den Themen im höheren Alter stehen die Psychologen mit Gesprächen den Patienten unterstützend zur Seite.

Darüber hinaus zählt es auch zu den Angeboten der Abteilung, bezüglich der Fahreignung von Patienten nach Hirnschäden zu beraten und ein sogenanntes Bio-Feedback durchzuführen.

Das psychologische Angebot zur Krankheitsverarbeitung im Benedictus Krankenhaus Feldafing umfasst: 

  • Beratende Gespräche zur Verbesserung des Befindens und zur Förderung von Bewältigungsstrategien 
  • Erlernen von Entspannungsverfahren (z. B. Progressive Muskelentspannung, Autogenes Training u. a.) 
  • Krisenintervention 
  • Psychologische Interventionen zur Bewältigung von Depressionen, Ängsten und anderen psychischen Erkrankungsfolgen 
  • Beratung in Fragen der Lebensführung und Zukunftsplanung

Unterstützung bei der Krankheitsverarbeitung und -bewältigung

Sowohl plötzlich auftretende als auch chronische Krankheiten bringen für die Betroffenen oft einschneidende Veränderungen des gewohnten Lebens mit sich. Die neue Situation erfordert nicht selten eine große persönliche Anpassungsleistung. Unsere Patienten stehen vor der Aufgabe, diese Veränderungen zu verstehen und sich zudem mit dem Verlust oder der Veränderung von Fähigkeiten, Wohlbefinden oder Zukunftsperspektiven auseinander zu setzen. 

Oft stehen Gefühle der Trauer und Ohnmacht, aber auch Ängste und Unsicherheiten im Hinblick auf die Zukunft im Vordergrund. Eine psychologische Begleitung hilft, sich in dieser schwierigen Situation zurechtzufinden, wieder Mut zu entwickeln und neue Wege für eine befriedigende Lebensgestaltung zu entdecken.

Biofeedback 

Im Rahmen unseres Therapiespektrums bieten wir außerdem Biofeedback an. Bei dieser nicht-invasiven Methode werden durch gezielte Messungen dem Patienten unbewusste Körperfunktionen wie zum Beispiel Puls, Atmung, Muskelspannung und Hautleitwert über einen Computermonitor sichtbar gemacht. 

In der Biofeedbacktherapie lernt der Patient, Kontrolle über gewisse Körperfunktionen zu erhalten und Imbalancen im Körper auszugleichen sowie Stressempfinden zu verringern. 

Auf diese Weise können zahlreiche körperliche und psychische Beschwerden wie beispielsweise Bluthochdruck, Migräne, Spannungskopfschmerzen, Rückenschmerzen und Panikattacken unterstützend behandelt werden. 

Angehörigenberatung 

Neben dem Patienten sind oft auch seine Familie und seine Angehörigen von den Erkrankungsfolgen unmittelbar betroffen. Die gewohnte Balance in Familie, Partnerschaft und sozialem Umfeld kann sich verändern und eine Neuorientierung erforderlich machen. 

Angehörige können sich deshalb bei uns über die psychologische bzw. neuropsychologische Therapie informieren sowie auch für sich selbst psychologische Beratung und Begleitung in Anspruch nehmen. Außerdem geben wir Ihnen gerne Informationen zu neuropsychologischen Störungen, deren Verlauf und Therapiemöglichkeiten.

Tiergestützte Therapie

Als besonderes Angebot für kognitiv stark beeinträchtigte oder emotional deutlich belastete Patienten steht im Rahmen der Neuropsychologie die tiergestützte Therapie zur Verfügung. Dabei arbeitet die Neuropsychologin zusammen mit einem speziell ausgebildeten Therapiehunde-Team an der Verbesserung der geistigen Leistungsfähigkeit, der Wahrnehmung oder des emotionalen Befindens. Dabei dient der Therapiehund als Dialogpartner, Medium, Reizquelle und Hilfsmittel.

Indikationen für die tiergestützte Therapie im Rahmen der Neuropsychologie können dabei sein: 

  • Schwere Aufmerksamkeitsstörungen 
  • Visueller Neglect 
  • Depression 
  • Ausgeprägte Antriebsminderung und Motivationsprobleme 
  • Schwere Gedächtnis- oder Orientierungsstörungen

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